Bruder Jakobus

"In Tugenden und gutem Lebenswandel sollst du den anderen vorleuchten"

Was soll ich da schon Großartiges schreiben? Natürlich sollen wir uns so verhalten, dass andere sich an uns ein Beispiel nehmen können. Irgendwie ist dies uns mit der Muttermilch eingeimpft worden, möchte man meinen. In Begegnungen mit Jugendlichen stelle ich jedoch fest, dass sich auch sogenannte Selbstverständlichkeiten wandeln. Und ein Blick in meinen Alltag bestätigt, dies betrifft bei weitem nicht nur die jungen Menschen. Irgendwie scheinen auch solche gesellschaftlichen Konsense ihre Halbwertszeiten zu haben. Rasch den Vortritt genommen, weil es mir praktischer ist, eine Regel übergangen, nach vorne gedrängelt, den Müll liegen gelassen... woran liegt dies? Es gibt Menschen, die der Ansicht sind, die wachsende Anonymität fördere den Eigennutz, andere sehen einen Wertezerfall oder schlicht die Verrohung der Gesellschaft. Ich bin weder Soziologe noch Demoskop, aber ein Mitbürger, der sich seine Gedanken macht. Das Zitat von Jakobus Wirth erinnert mich an einen Zeitungsartikel über einen wandernden Dachdeckergesellen, er beschrieb, wie nach dem ersten Jahr auf der Straße, er nun selbst eine „Patenschaft" für einen Neuen übernahm und an der Aufgabe wuchs. Ist dies der Schlüssel zu unserer Ausgangsfrage? Bruder Jakobus legte sein ganzes Zutrauen in seine Mitbrüder und übertrug ihnen entsprechend den Begabungen und Fähigkeiten Aufgaben, er legte hiermit die unabdingbare Grundlage für ein tugendhaftes Leben. Denn an was anderem kann der Lebenswandel wachsen als an der Praxis, in der Aufgabe? Möglich, dass unsere professionalisierte und abgesicherte Gesellschaft nur unzureichend Menschen in Verantwortung nimmt und somit ihnen auch eine Vorbildrolle vorenthält? Ich fühle mich auf alle Fälle von diesem Jakobuszitat inspiriert acht zu geben, dass ich in meinem Umfeld Mitmenschen den nötigen Raum für Wachstum in verantwortlichem Handeln und tugendhafter Lebensführung bereithalte und selbst will ich mich jedes Mal an der eigenen Nase greifen, wenn ich merke, wie ich nachlässig werde.

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

„Achtet darauf, dass alle eifrig für die Ehre Gottes und das Wohl der Mitmenschen wirken"

Na, das ist so eine Sache, mit der Ehre Gottes. Ein Blick in die Geschichte zeigt Verehrendes. Waren da nicht immer wieder Menschen mit den besten Absichten bemüht, sich für Gott einzusetzen, dessen Willen umzusetzen und sahen sich selbst als Verteidiger seiner Ehre? Und kennen wir nicht zu genüge, was daraus geworden ist? Die Intoleranz, die Einseitigkeit, Verletzungen, Bevormundung ... währe es nicht besser, wir ließen dies ganz und verzichteten darauf irgendetwas für Gott zu tun? Und hätten wir nicht vollauf genug zu tun um die Welt etwas menschlicher zu Gestallten? Ja, wenn ich so nachdenke, dann muss ich diesen Argumenten recht geben. Wir sind mit dem Einsatz für mehr Humanität, für eine menschlichere Welt bestens ausgelastet.

Doch halt, da fällt mir was auf! Der zitierte Satz von Jakobus Wirth wird durch ein ,und' verbunden. Ein kurzes Wort, das ich als ,sowohl als auch' lesen kann oder aber mit dieses, wie jenes übersetze. Beim Letzteren hieße dies, dass da eine gegenseitige Abhängigkeit vorliegt, dass unsichtbare Beziehungen zwischen der Ehre Gottes und dem Wohl der Menschen bestehen. Welche könnten den diese sein? Sie ahnen es, vor kurzem feierten wir Weihnachten, die Menschwerdung Gottes. Seit dem ist alles Menschliche und alles Göttliche fest miteinander verbunden, so dass Jesus mal sagen kann: ,Alles was ihr einem der Geringsten tut, das habt ihr mir getan'. Im Weihnachtsgeheimnis wird deutlich, dass Gott das Gute, das Wohl der Menschen möchte, deshalb teilt er mit ihm das Leben. Und so darf ich im Umkehrschluss sagen, wer sich um das Wohl seiner Mitmenschen einsetzt, wer für mehr Humanität eintritt, der ist zugleich einer der die Ehre Gottes mehrt. Und was ist mit den eingangs zitierten schief gelaufenen Versuchen? Nun, wenn ich ehrlich bin, kann ich mein Tun und Lassen und im Hier und Jetzt betrachten, wie die Zukunft über mich urteilen wird, bleibt mir entzogen. Ich denke jedoch, wenn ich vom Wohl des Menschen ausgehe, so wird es nicht grundfalsch sein. Ja, dann reihe ich mich ein, in das geistige Erbe eines Jakobus Wirth und trage meinen Teil für die Ehre Gottes und das Wohl der Mitmenschen bei.

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2014

"Wer kann die Ratschlüsse Gottes ergründen?"

Na freilich niemand! Was für eine Frage. Denn wer wären wir, wenn wir sozusagen über Gott Bescheid wüssten, sein Handeln erklären und zu berechnen vermochten? Ja, dann säßen wir an seiner Stelle. Aber Obacht, neigten und neigen wir nicht oft dazu sehr genau zu erzählen, wie Gott ist, was er so will und tut? Ganz ehrlich, ich gehöre auch zu jenen Menschen, die sich schon mal darin versteigen anderen Gott aufzuschlüsseln. Dann kann ein Satz wie dieser von Jakobus Wirth mich zurück holen, meine beiden Füße wieder auf den Boden stellen, und mich erinnern, dass ich sehr wohl darüber berichten kann, ja soll, wie ich Gott erfahren habe, nicht aber voreilige Schlüsse ziehen darf. Doch, wollte Bruder Jakobus dies sagen? Die Frage scheint auf den zweiten Blick vielmehr eine rhetorische, also um Aufmerksamkeit zu erwecken, uns nachdenken und hinhören lassen, damit wir die Antwort umso deutlicher vernehmen. Nein nicht vernehmen, sie selbst erkennen. Wer kann die Ratschlüsse Gottes ergründen, heißt dann, was erwartest du ob all deinem hektischen Tun, was denkst du mit dem Aktionismus bewirken zu können, wozu die Planungen und Berechnungen ...? Will mich Jakobus in den Fatalismus führen, der sagt, dass ich doch nichts tun, ändern oder beeinflussen könnte? Wohl kaum, wie sonst hätte er sein Werk gründen können? Nein, ich meine, Jakobus möchte seinen Mitbrüdern und heute uns sagen, dass alles mehrere Dimensionen hat. Da ist die vordergründige Seite, welche mir in die Hand gelegt ist, wofür ich zuständig und ermächtigt bin. Da ist die Seite der mitmenschlichen Hilfe, der Geschwisterlichkeit. Also all die Dinge, für welche ich Partner, Freunde, kurz gute Menschen brauche. Und da ist die dahinter liegende Seite, ich möchte fast sagen die darunter liegende, tragende Seite, die sich meinem Tun entzieht, die ich annehmen darf, die mir geschenkt wird, für die ich dankbar bin und deshalb schon mal für sie bitte und danke. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mich entlastet dieses Bild unheimlich. Es gab mal eine Zeit, da stand ich in einer neuen Aufgabe, die mich zu überfordern drohte, bis ich lernte zu unterscheiden was mein Teil und was Gottes Anteil an der Aufgabe ist. Jakobus Wirth gibt mir so auch heute einen Anstoß, auf gute Art und Weise mein Leben zu gestalten, wo ich es kann und bewusst in andere Hände zu legen, wo dies besser ist.

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

"Tragt Sorge, dass der Geist der Armut im Haus herrsche"

Was soll das! Armut müssen wir doch überwinden und nicht anstreben. Wer selbst in einer prekären Situation leben muss oder solche kennen lernte, weiß, dass nicht zu wissen, wie die Rechnungen zu bezahlen sind, dass ein dauerhaft überzogenes Konto oder gar ein leerer Kühlschrank wirklich nichts Romantisches hat. Jakobus Wirth, unser Ordensgründer, kannte Armut. Er wusste, was es heißt ungesättigt ins Bett zu gehen, kein Geld für nötige Anschaffungen, eine Ausbildung oder den Arzt zu haben. Weshalb trägt er seinen geistigen Brüdern auf, darauf acht zu geben, dass Armut im Hause herrscht? Ich denke, weil er diese Erfahrung kannte und weil er in der bitteren Not unzählige Male erfuhr, wer Mangel und Not selbst kennt, ist dem Bedürftigen und Armen näher. Wer sein Leben nicht dreifach abgesichert und mit Besitz zugestellt hat, findet rascher und direkter zum Herz des Gegenübers. Er kann wortwörtlich mitfühlen. Und noch etwas meine ich hatte Jakobus im Blick: Wer selbst wenig hat, lernt zu vertrauen, dass Gott sorgt.

 

In meinem Haus herrscht keine bittere Armut, aber ich bemühe mich, eine gewisse Einfachheit zu leben. Nicht alles was ich haben könnte, will ich anschaffen. Mein Leben nicht gänzlich zustellen mit Besitz und Absicherung. Und wie Jakobus versuche ich offen zu bleiben für mein Gegenüber, dessen Armut und Bedürfnisse.

 

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

"Tröstet die Niedergeschlagenen und richtet auf, die Gebeugten"

Es hört sich so gut und richtig an, zu trösten und aufzurichten. Und mir ist noch nie jemand begegnet, der dagegen angesprochen hätte. Und doch, schaue ich in die Welt, blicke ich in meinen Alltag, da sehe ich viele Menschen, die trostlos und traurig sind, da begegnen mir Unzählige die niedergedrückt und kleingehalten werden. Was läuft falsch?

 

Schauen wir doch mal ins eigene Leben, in mein Umfeld. Wann hab ich mir das letzte Mal wirklich Zeit genommen, um zu trösten. Wann war es, dass ich mein Tun und Eilen unterbrochen, mich hingesetzt, zugehört und Trost zugesprochen habe. Wen schloss ich erbarmungsvoll in meine Arme? Ich muss darüber wirklich etwas nachsinnen. Gestern etwa, war da nicht diese Frau, die ich dann auf später vertröstet statt getröstet hab? Und erst recht das Aufrichten, Mitmenschen was zutrauen, sie als ermächtigt und geliebt anzuerkennen. Gar nicht so leicht, wie rasch drücke auch ich meine Ideen durch, urteile jemanden ab ...

 

Liegt es vielleicht daran, dass trösten und aufrichten mich nicht nur zeitlich in Anspruch nimmt, sondern auch von mir etwas fordert? Ich gebe mich ein, schenke dem Gegenüber Empathie und Ansehen, ohne unmittelbare Gegenleistung. Jakobus Wirth animiert mich heute wieder von neuem bewusst durch den Tag zu gehen, Niedergeschlagene, Gebeugte und Bedürftige zu sehen, mich ihnen nicht zu entziehen sondern etwas zu schenken - meine Zeit und meine Empathie.

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

"Ertragt die Fehler und Schwachheiten der Mitmenschen mit Geduld"

Diese Zeiten sind nun aber längst vorbei! Das fromme Opfer, das demütig die Eskapaden seiner Umwelt erträgt und erduldet. Die geschlagene Ehefrau, die um der „heiligen Ehe“ willen stets die Zähne zusammenbeißt. Der bescheidene Mitarbeiter, der die Inkompetenz seines Kollegen stets still und treu ausbügelt. Heute wollen wir doch offen und transparent ansprechen und einfordern, was Recht und gerecht ist. Jeder und Jede soll sich einbringen und entfalten können und niemand möge sich in sein Leiden hineinschicken! Darin sind wir uns vermutlich einig. Und doch wählte ich dieses sperrige Wort von Bruder Jakobus aus. Was macht es vielleicht doch gültig, auch in der heutigen Zeit? Schauen wir's doch einfach mal genauer an: Jakobus sagt nicht ertragt die Launen der Anderen, er sagt: Ertragt die Fehler und Schwachheiten. Offensichtlich differenziert er. Ihm scheint bewusst, dass was wir auch immer tun - und sei es mit den besten Absichten - oft falsch liegen oder aufgrund von Inkonsequenz, Schwäche und Angst weit hinter dem was wir wollen oder können. Da kann ich als Betroffener oder Außenstehender rasch mit harschen Worten urteilen. Da kann ich meine Finger in die Wunden stecken. Da kann ich belehrend und ermahnend als überheblicher Lehrer und moralisierender Apostel auf die Pelle rücken. Oder aber ich kann großzügig darüber hinweg sehen, liebevoll das Eine oder Andere mittragen.

 

Freilich setzt diese voraus, dass ich nicht in die Opferrolle schlüpfe, dass ich meiner eigenen Stärke bewusst und sicher bin. Und - dies scheint mir entscheidend - dass ich meine Stimme zum Protest erhebe, dienen die Fehler und Schwachheiten anderer lediglich als billige Ausrede oder gar kalkuliertes Machinstrument. Ja, so verstehe ich Bruder Jakobus, bereit mitzutragen am Unvermögen des Anderen, in der Hoffnung er tut es ebenso, und klar in der Unterscheidung und Sensibilität zum Missbrauch. Dies gefällt mir, ich will's mittun.

 

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

"Wie Eltern sollt ihr über die euch Anvertrauten wachen"

Mir gefällt dieses Wort von Br. Jakobus Wirt mit am besten. Das Bild, welches es zeichnet, steigt mir vor dem inneren Auge auf, entsprechende Gefühle von Geborgenheit und guter Fürsorge stellen sich ein. Wie Eltern sollen wir füreinander da sein. Wie eine Mutter am Bett ihres kranken Kindes wacht, wie ein Vater neben dem schwankenden Radfahranfänger herläuft, bedacht bei Gefahr einzugreifen. Wie die große Hand die eine Kinderhand sicher umschließt. Und doch bin ich mir bewusst, dass bei manchen Menschen sich ganz andere Bilder einstellen können. Das ist die Kehrseite von Bildworten und Metaphern. Zuweilen versagen irdische Eltern, waren überfordert oder haben sich aus der Verantwortung gestohlen. Leider gibt es auch welche die ihre Kinder nicht als Anvertraute betrachten sondern als zu Domestizierende. Diese Seite der Medaille will und soll ich mit im Blick haben, wenn ich das Zitat von Br. Jakobus verwende. Doch ich meine, gerade deshalb sollen wir es uns zu Herzen nehmen, um da, wo wir leben, da wo Menschen uns anvertraut sind - nicht unbedingt formal wir uns, wie gute Eltern verhalten. Das kann am Zebrastreifen sein, wo Schüler kreuzen; dass kann mein Engagement für eine alte Nachbarin sein; dass kann mein Umgang mit den Kollegen betreffen und freilich erst recht meine Kinder, Neffen und Nichten ...

 

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013

"Dient einander und seid nicht herrschsüchtig"

Jetzt haben die Medien das Dienen wieder entdeckt! Seit Papst Franziskus gewählt wurde und mit zu den ersten Pressefotos aus seinem Leben auch Bilder einer Fußwaschungsszene publik wurden spricht man wieder über diesen bereits fast ausgestorbenen Begriff. Demut galt bis vor kurzem noch als verstaubtes und überkommenes Ziel einiger älterer Frömmler. Und nun, lehrt uns ein Papst, ganz einfach und ohne viele, geschweige gelehrte Worte, die Achtung vor der Demut - dem Mut zum Dienen. Br. Jakobus passt eigentlich mehr zum obigen Vorurteil, längst verstorben, frommer Mann ... und doch hat er dasselbe verstanden und vertreten wie der gegenwärtige Papst, wenn er seinen geistigen Söhnen ins Gedächtnis schrieb: Dient einander und seid nicht herrschsüchtig. Wie Franziskus I war er nicht so sehr ein Mann großer Worte, Pläne und Ankündigungen, sondern einer der Tat. Er ging seinen Mitbrüdern voran, als es galt, in einer Epidemie zu helfen. Er teilte sein Brot, wenn an der Tür Hungrige klopften, er ertrug lieber selbst Mangel, als dass er den Waisenkindern nicht ein gutes Zuhause schenken konnte. Demut als Mut anderen zu dienen, die eigenen Selbstsüchte und Vorteile erstmal hintanzustellen ist weder einer Erfindung des Papstes noch von Br. Jakobus, Gott selbst lehrt sie uns - besonders in Jesus Christus. In der Vergangenheit wie Gegenwart wird die Demut oft verdächtigt, Menschen klein zu halten und der Unterdrückung zu dienen und leider stimmt es, dass sie oft dazu missbraucht wurde. Doch eine Demut wie Franziskus, Jakobus oder der Papst sie ausüben, spricht von einem Hintanstellen eigener Bedürfnisse, nicht vom Auslöschen oder Verleugnen. Demut ändert lediglich die Rangfolge und lässt mich erfahren, wie befreiend es sein kann nicht mehr der Erste sein zu müssen.

 

Gedanken zu einem Bruder-Jakobus-Wort von Br. Michael Ruedin FFSC 2013